Lernen durch Handeln

Erfahrungslernmodelle

Es gibt eine Reihe verschiedener Ansätze bzw. Begriffe des „Lernen durch Handeln“ (Learning by Doing) oder „Erfahrungslernen“ (Lernen in realen Kontexten), zum Beispiel:

  • Labor-, Werkstatt- oder Studioarbeiten;
  • Ausbildung (im eigentlichen Sinn);
  • problembasiertes Lernen;
  • fallbasiertes Lernen;
  • projektbasiertes Lernen;
  • bedarfsorientiertes Lernen
  • kooperatives (arbeits- oder gemeinschaftsbezogenes) Lernen.

 

Das Erfahrungslernen konzentriert sich auf Lernende, die über ihre Erfahrungen nachdenken, um konzeptionelle Einsichten sowie praktisches Fachwissen zu gewinnen. Kolbs experimentelles Lernmodell schlägt vier Stufen in diesem Prozess vor:

  • aktives Experimentieren;
  • konkrete Erfahrung;
  • reflektierende Beobachtung;
  • abstrakte Konzeptualisierung.

 

Es gibt viele verschiedene Modelle für experimentelles Lernen, aber auch viele verbindende Gemeinsamkeiten.

Labor-, Werkstatt- oder Studioarbeit: Ein wichtiger pädagogischer Wert der Laborarbeit besteht darin, den Auszubildenden zu ermöglichen, vom Konkreten (Beobachten von Phänomenen) zum Abstrakten (Verstehen der Prinzipien oder Theorien, die sich aus der Beobachtung von Phänomenen ergeben) überzugehen. Zum anderen führt die Laborarbeit die Auszubildenden in einen kritischen Kulturdisput von Wissenschaft und Technik ein. Alle Ideen müssen auf strenge und besondere Weise getestet werden, damit sie als „wahr“ gelten.

Die Ausbildung ist eine besondere Möglichkeit, den Auszubildenden das Lernen zu ermöglichen. Es ist oft mit einer Berufsausbildung verbunden, bei der ein erfahrener Verantwortlicher oder Geselle das gewünschte Verhalten oder Fähigkeiten vorgibt, der Auszubildende versucht, dem Vorbild zu folgen und der/die Ausbilder/in gibt danach Rückmeldungen zum Lernerfolg. Beim Lernen in der Berufsausbildung geht es nicht nur um Lernen (aktives Lernen), sondern auch um ein Verständnis der Kontexte, in denen das Lernen angewendet wird. Darüber hinaus gibt es ein soziales und kulturelles Element beim Lernen, Verstehen und Einbetten der etablierten Praktiken, Bräuche und Werte von Expert/innen auf diesem Gebiet.

Problembasiertes Lernen: Die früheste Form des systematisierten problembasierten Lernens (PBL) wurde 1969 von Howard Barrows und Kolleg/innen an der School of Medicine der McMaster University in Kanada entwickelt und von dort aus auf viele andere Universitäten, Hochschulen und Schulen übertragen. Dieser Ansatz wird zunehmend in Fachgebieten angewendet, in denen die Wissensbasis schnell anwächst und es für Studierende praktisch unmöglich ist, das gesamte Wissen in diesem Bereich innerhalb eines begrenzten Studienzeitraums zu beherrschen. In Gruppen identifizieren die Auszubildenden, was sie bereits wissen, was sie wissen müssen und wie und wo sie auf neue Informationen zugreifen können, die dann zur Lösung des Problems führen können. Die Rolle bzw. Funktion des Ausbilders/der Ausbilderin (in der klassischen PBL normalerweise als Tutor/in bezeichnet) ist entscheidend für Steuerung und Umsetzung des Lernprozesses.

Fallbasiertes Lernen: Durch fallbasiertes Lernen entwickeln die Auszubildenden Fähigkeiten im analytischen Denken und im reflektierenden Urteilsvermögen, indem sie komplexe reale Szenarien lesen und diskutieren.

Projektbasiertes Lernen: Projektbezogenes Lernen ähnelt dem fallbezogenen Lernen, ist aber tendenziell länger und breiter angelegt und mit noch mehr Autonomie/Verantwortung der Lernenden im Sinne der Auswahl von Unterthemen, der Organisation ihrer Arbeit und der Entscheidung über die Methoden zur Durchführung des Projekts verbunden. Die Lernprojekte basieren normalerweise auf realen Problemen, die den Auszubildenden ein Gefühl von Eigenverantwortung und Anteilnahme für ihre Lernaktivitäten vermitteln.

Bedarfsorientiertes Lernen: Das bedarfsorientierte Lernen ähnelt dem projektbasierten Lernen, die Rolle des Ausbilders/der Ausbilderin ist jedoch anders gelagert. Beim projektbasierten Lernen entscheidet der Ausbilder über die „treibenden Fragestellungen“ und spielt eine aktivere Rolle bei der Führung der Auszubildenden durch den Prozess. Beim bedarfsorientierten Lernen untersucht der/die Auszubildende ein Thema und wählt ein Forschungsthema aus, entwickelt einen Forschungsplan und kommt zu Schlussfolgerungen, während ein(e) Ausbilder/in gewöhnlich zur Verfügung steht, um bei Bedarf Hilfe und Anleitung zu bieten.

 

Stärken und Schwächen der Lehrlingslernmodelle

(https://www.tonybates.ca/2014/08/06/models-for-teaching-by-doing-labs-apprenticeship-etc/)

Sofern man sich auf das Modell der Berufsausbildung konzentriert, lassen sich die wichtigsten Vorteile wie folgt zusammenfassen:

  • Lehren und Lernen sind tief in komplexe und höchst variable Kontexte eingebettet, die eine rasche Anpassung an die Bedingungen der realen Welt ermöglichen,
  • die Berufsausbildung nutzt effizient die Zeit von Expert/innen, die den Unterricht/die Lehrveranstaltung in ihre eigene reguläre Arbeitsroutine integrieren können
  • es bietet den Lernenden klare, erstrebenswerte Modelle oder Ziele
  • die Berufsausbildung vermittelt die Werte und Normen des Berufes oder der Branche

 

Andererseits gibt es einige bedeutsame Einschränkungen im Berufsausbildungsansatz, insbesondere in der nicht-traditionellen Ausbildung:

  • große Teile des Wissens der Fachausbilder/innen ist stillschweigend (implizit), was teilweise darauf zurückzuführen ist, dass deren Fachwissen durch eine sehr breite Palette von Aktivitäten langsam aufgebaut wird,
  • Expert/innen haben oftmals Schwierigkeiten, das Schema und das "tiefe" Wissen, das sie aufgebaut haben und das sie fast schon als selbstverständlich ansehen, entsprechend bewusst oder verbal so auszudrücken, ohne dass die Auszubildenden raten oder vermuten müssen, was von ihnen verlangt wird, um selbst Expert/innen zu werden,
  • Expert/innen verlassen sich oft nur auf die Modellierung, in der Hoffnung, dass die Auszubildenden das Wissen und die Fertigkeiten aus der bloßen Beobachtung des Experten/der Expertin in Aktion aufnehmen und nicht die anderen Phasen durchlaufen, die ein Ausbildungsmodell erfolgreicher machen,
  • die Anzahl der Auszubildenden, die von einem Experten/einer Expertin betreut werden können, ist eindeutig begrenzt, da die Ausbildenden selbst voll und ganz damit beschäftigt sind, ihr Fachwissen unter oft anspruchsvollen Arbeitsbedingungen anzuwenden, die unter Umständen wenig Zeit lassen, um sich um die Bedürfnisse von Berufsanfängern zu kümmern,
  • Berufsausbildungsprogramme weisen eine sehr hohe Fluktuationsrate auf: In British- Columbia (Kanada) beispielsweise ziehen sich mehr als 60 Prozent derjenigen, die in ein formelles Berufsausbildungsprogramm eintreten, vor dem erfolgreichen Abschluss des Programms zurück. Infolgedessen gibt es unter den Arbeitskräften eine große Anzahl erfahrener Handwerker/innen ohne volle Zulassung, was ihre berufliche Entwicklung einschränkt und die wirtschaftliche Entwicklung verlangsamt, sodass folglich ein Mangel an voll qualifizierten Facharbeiter/Innen herrscht,
  • in Berufen, die einem raschen Wandel am Arbeitsplatz unterworfen sind, kann das Berufsausbildungsmodell die Anpassung oder Änderung der Arbeitsmethoden verlangsamen, weil traditionelle Werte und Normen vorherrschen, die von dem/der "Meister/in" weitergegeben werden und die für die neuen Bedingungen, denen die Arbeitnehmer/innen ausgesetzt sind, möglicherweise nicht mehr so relevant sind. Diese Einschränkung des Berufsausbildungsmodells zeigt sich deutlich im beruflichen Bildungssektor, wo traditionelle Werte und Normen rund um die Ausbildung zunehmend in Konflikt mit externen Einflüssen, wie neuen Technologien und der massiv gestiegenen Hochschulbildung, geraten.

 

Unabhängig davon ist das Berufsausbildungsmodell, wenn es gründlich und systematisch angewandt wird, ein sehr nützliches Modell für den Unterricht in hochkomplexen, realitätsnahen Arbeits- und Wirkungskontexten.

Aktivität 1: Bewertung erfahrungsbasierter Ausbildungsmodelle

Bitte beantworten Sie die folgenden Fragen eigenständig.

  1. Wenn Sie Erfahrungen mit der Ausbildung haben, was hat gut funktioniert und was nicht?
  2. Sind die Unterschiede zwischen problembasiertem Lernen, fallbasiertem Lernen, projektbasiertem Lernen und bedarfsorientiertem Lernen signifikant oder sind sie wirklich nur geringfügige Variationen desselben Modellentwurfs einer Ausbildung?
  3. Haben Sie eine Präferenz für eines der Modelle? Wenn ja, warum?

Testen Sie Ihr Wissen!